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Im Alltag Stiefmutter sein – der Erfahrungsbericht von Ingrid

Herausgegeben vom Team Share(d)

Ingrid Plotegher ist die Stiefmutter von zwei Jungen mit abwechselndem Sorgerecht. Innerhalb einer Woche schlüpft Sie in ihre beiden Rollen als Lehrerin und freiberufliche Designerin von handgefertigtem Schmuck und nimmt gleichzeitig ihre Rolle bezüglich der Kinder ihres Mannes, die Teil ihrer Familie sind, sehr ernst.

In sozialen Netzwerken schreibt und teilt sie ihre Dialoge voller Humor und philosophischen Überlegungen mit „dem kleinen Jungen“, dem jüngsten der Geschwisterkinder. Ein humorvoller Blick auf ihr alltägliches Leben mit ihren Stiefsöhnen, der auch seinen Anteil an Zweifeln und Widersprüchen in sich birgt. Da sich die Familienmodelle schneller als die Gesetze entwickeln, musste sich Ingrid gelegentlich auf verrückte Situationen einstellen.

In diesem Interview offenbart uns Ingrid mit Authentizität ihren Weg, um ihren Platz im Familienleben mit zwei Söhnen und ihrem Mann einzunehmen.

Ingrid-Plotegher
Ingrid ist seit 8 Jahren die Stiefmutter von 2 Jungen im Alter von 9 und 12 Jahren

Share(d): Wie lange sind Sie schon Stiefmutter dieser beiden Jungen?

Ingrid: Ich bin seit 8 Jahren Stiefmutter von zwei Jungen, die 9 und 12 Jahre alt sind. David, der Vater, und ich sind seit 2012 wieder zusammen und haben schließlich 2013 geheiratet!

Wie hat sich die Organisation in diesem neuen Zuhause mit Ihnen, dem Vater und den Jungen gestaltet? Haben Sie die Dinge geplant oder haben sie sich von selbst ergeben?

Ich kann mich nicht genau erinnern, da sich alles vollkommen natürlich ergab. Die Schritte folgten ganz selbstverständlich aufeinander. Zu Beginn unserer Beziehung lebte ich im Département Yvelines und David im Département Seine-et-Marne. Nach einem Jahr Beziehung bat ich um eine geografische Versetzung, um zu David und den Kindern zu stoßen.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie beide zusammengezogen sind?

Bevor wir alle vier zusammengezogen sind, habe ich sie oft in ihrer Wohnung besucht, und wir sind auch gemeinsam in den Urlaub gefahren. Die Jungen hatten somit die Möglichkeit, mich besser kennenzulernen und umgekehrt! Dann sind wir schnell zusammengezogen, weil die Wohnung für eine vierköpfige Familie zu klein war. Daher haben mein Mann und ich nach etwa einem Jahr ein Haus gekauft.

Waren Sie von Anfang an an der Erziehung der Kinder beteiligt? War das eine wahrhafte Entscheidung Ihrerseits und Ihres Ehepartners?

Da ich Grundschullehrerin bin, war das in Bezug auf die Hausaufgaben und die Arbeit zu Hause relativ selbstverständlich. Ich kümmere mich hingegen nicht um den administrativen Bereich oder beispielsweise um Termine mit Lehrern. David ist auch Lehrer und wir teilen uns daher die Erziehungsaufgaben. Wir organisieren uns selbst und haben die Mutter nicht in unsere Vorgehensweise einbezogen. Es handelt sich hierbei um unsere eigene alltägliche Organisation.

“ Da sie zu dritt waren, war es für mich selbstverständlich, mich in meinem neuen Alltag mit den Kindern zu beschäftigen „

Wie treffen Sie als Familie Entscheidungen?

Der Dialog erfolgt zu viert, denn auch die Mutter hat seit ein paar Jahren einen Lebenspartner. Bezüglich der planungs- und verwaltungstechnischen Angelegenheiten entscheiden die Eltern jedoch eigenständig. Die Mutter und ich sprechen nicht miteinander, weil diese organisatorischen Fragen eine Konfliktquelle darstellen.

Hat Ihr Familienmodell innerhalb Ihrer Familie irgendwelche Fragen aufgeworfen?

Ja, am Anfang gab es eine kurze Phase, in der meine Familie es in Frage stellte. Es erschien ihnen kompliziert, dass ich die Kinder einer anderen Person aufziehen würde, obwohl sie David schon aus unserer Beziehung während des Studiums kannten.

In Davids Familie kannten mich auch schon seine Eltern. Obwohl sich das Vertrauen erst allmählich einstellte, haben sich die Dinge schnell wieder normalisiert.

Für die Mutter der Jungen war es allerdings komplizierter, denn sie hatte zahlreiche Zweifel bezüglich des Ablaufs bei uns zu Hause. Eine Sozialarbeiterin führte Ihre Prüfung an unserem Wohnsitz durch, und wir konnten zugunsten des Gleichgewichts der Familie das abwechselndem Sorgerecht behalten.

Und Sie, hatten Sie irgendwelche Zweifel, bevor Sie sich auf dieses Familienabenteuer eingelassen haben?

Ich für meinen Teil stellte mir weniger Fragen als meine Familie. David war nicht allein, sie waren zu dritt. Es war für mich ganz selbstverständlich, ich hatte keine Zweifel. Ich stellte sie schnell meinem Umfeld vor, meinen Eltern, meinen Freunden, meinen Brüdern und Schwestern. Daher werden meine Stiefsöhne als Cousins, Neffen angesehen … Sie sind Kinder der Familie, ohne dass Unterschiede gemacht werden.

Wie nimmt die Gesellschaft Ihre Lebensentscheidung wahr?

Manchmal sagen sich die Leute: „Die Arme hat keine Kinder (…) Aus Verdruss nimmt sie anderen Leuten die Kinder weg“. Obgleich ich nie den Drang verspürt habe, Mutter zu werden. Aber wer mich nicht kennt, weiss das nicht. Oder auch: „Du bekommst also keine [Kinder], du hast ja schon die Deines Mannes…“. Mir wurde auch schon die Frage gestellt: „Willst Du eigene Kinder bekommen? „. Worauf ich antworte: „Was sind das, eigene Kinder? „Ich finde das absurd, aber ich bin mir bewusst, dass meine Situation vor allem Frauen anspricht. Einige von ihnen äußern ihre eigenen Zweifel anhand ihrer Fragen oder Überlegungen: „Wenn Du die Kinder nicht ausgetragen hast, ist es nicht dasselbe“.

„Es ist mir passiert, dass ich die Kinder nicht vom Kindergarten abholen konnte, weil ich nicht auf der Liste der befugten Personen stand.“

Wird Ihre Beteiligung beim Arzt angemessen anerkannt?

Wenn wir keine anderen Möglichkeiten haben, gehe ich mit ihnen zum Arzt. Aber das ist nicht so einfach, weil meine Krankenversicherungskarte ihre medizinische Betreuung nicht abdeckt. Und da ich keinen gesetzlichen Status habe, könnte ich alleine mit ihnen keine medizinischen Entscheidungen treffen. Ich erinnere mich an eine ziemlich schwierige Zeit, in der einer der Jungen mehrere Monate im Krankenhaus bleiben musste. Ich habe manchmal bei ihm übernachtet.

Was ist mit der Schule?

Ich hole sie im Notfall von der Schule ab. Einmal wollte ich sie vom Kindergarten abholen und konnte sie nicht mitnehmen, weil mein Name nicht auf der Liste der befugten Angehörigen stand. Ich kann Ihnen sagen, dass ich wirklich enttäuscht und verärgert war.

Ich habe manchmal das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Selbst die einfachsten Vorgänge dauern länger. Um die Termine mit den Lehrkräften kümmert sich mein Mann mit seiner Ex-Frau.

Andererseits gehen einige Strukturen, wie z. B. Freizeitzentren, mit diesen Fragen eher locker um. Als ich die Jungen einmal abgeholt habe, musste ich nicht einmal meinen Ausweis vorzeigen!

Sind Sie bezüglich der Anerkennung Ihres Platzes im Leben der Kinder auf rechtlicher Seite auf irgendwelche Hindernisse gestoßen?

Vor anderthalb Jahren habe ich rechtliche Schritte eingeleitet, um meinen Status anerkennen zu lassen. Ich hatte zuvor selbst viel recherchiert, denn der mich betreuende Notar hatte nur sehr begrenzte Kenntnisse zum Thema Patchworkfamilie.

Ich habe vor sieben Jahren zur Zeit der Hochzeit mit David angefangen, darüber nachzudenken. Wir haben einen Ehevertrag abgeschlossen, um ihn und seine Kinder im Falle meines Todes abzusichern, sodass sie das Haus behalten. Ich selbst hatte mich nach meinem Erbrecht für die Kinder erkundigt, aber erfolglos. Damals wurde mir mitgeteilt, dass eine Übertragung des Erbrechtes anhand einer Adoption, einer Art Anerkennung der Kinder, möglich sei. Aber für eine Adoption hätten die Mutter auf ihre elterlichen Rechte verzichten oder die Kinder volljährig sein müssen, um Ihrer Adoption zustimmen zu können.

Was halten Sie von diesen Optionen?

Diese Optionen sind zu restriktiv und entsprechen nicht unserem Familienmodell. Ich wollte mich folglich an Stiefelternvereine wenden, aber zu meiner großen Überraschung gab es keine.  Es gibt keine Gesprächsgruppen, oder sie sind zumindest nicht sichtbar. Ich wollte mich rechtlich beraten lassen, denn wenn ich sterbe oder mein Mann stirbt, habe ich von heute auf morgen keine Rechte mehr an diesen Kindern…

Die Kinder werden erwachsen, also habe ich das Thema erst einmal beiseite geschoben. Ich denke, die Jungen würden im Todesfall meines Mannes fordern, mich sehen zu dürfen. Während des Besuchs der Sozialarbeiterin nutzte ich die Gelegenheit, um sie zu fragen, ob ich auch im Todesfall von David die Kinder weiterhin sehen könnte. Die Beantragung des Besuchsrechts ist offenbar möglich, denn aus moralischer Sicht wäre dessen Verweigerung eine heikle Angelegenheit, da ich Teil des alltäglichen Lebens der Jungen bin. Ich denke auch an meine Eltern, die in ihrem Leben sehr präsent sind und regelmäßigem mit ihnen verkehren.

Was erwarten Sie jetzt und in den kommenden Jahren von der Regierung?

Ich erwarte nichts von der Regierung in Bezug auf den Alltag, den wir uns einrichten. Wenn ein Notfall eintritt, handle ich, ohne mir Fragen zu stellen. Sollte mein Mann jedoch sterben, bin ich nicht geschützt, weil ich von heute auf morgen von den Kindern getrennt werden könnte. Es macht keinen Sinn, die Beziehung zwischen einem Stiefelternteil und den Kindern zu leugnen. Ich möchte einen Status haben, der mir im Namen der zusammen verbrachten Jahre im Todesfall meines Mannes das Sorgerecht für die Kinder ein paar Tage im Monat gewährt. Solange wir noch zusammen sind und es gut läuft, ändere ich nichts an meinem Verhalten im Alltag.

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